Roland Koch

HESSISCHER MINISTERPRÄSIDENT
03.07.2005

Koch: "Der Dalai Lama steht für Verlässlichkeit und Mut"


Ein Gastbeitrag des Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 03.07.2005

Koch: "Der Dalai Lama steht für Verlässlichkeit und Mut"
Zum ersten Mal bin ich dem Dalai Lama Mitte der achtziger Jahre begegnet. Das geistige und weltliche Oberhaupt lebte seinerzeit schon ein Vierteljahrhundert im indischen Exil; ich war stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Union. Die deutsche Außenpolitik machte damals um alles, was mit Tibet und dem Dalai Lama zu tun hatte, einen großen Bogen. Man bekundete wortreich Sympathie und ging flugs auf Distanz. Seit 1980 reiste der Dalai Lama häufig ins Ausland, um in Reden um Unterstützung für Tibet zu werben. Früh hatte ihn diese "Reisediplomatie" nach Hofheim am Taunus zu dem Unternehmer und Filmemacher Friedhelm Brückner, einem treuen Freund der Tibeter, geführt. Dieser war es auch, der damals den ersten Kontakt zwischen uns vermittelte. Vorausgegangen waren aber bereits Unterredungen mit Mitgliedern der tibetischen Exilregierung, die überall auf der Welt Menschen zusammenbrachten, die eines verband: das Eintreten für eine friedliche Lösung des Tibet-Problems, die eines Tages dem Dalai Lama die Rückkehr in seine Heimat und den Tibetern wirkliche Autonomie und Religionsfreiheit ermöglichen soll.

Unabhängig von religiösen Überzeugungen - ich bin und bleibe katholischer Christ
- sind die Begegnungen mit dem Dalai Lama immer beeindruckend: Sofort zieht den Gesprächspartner sein Charisma in den Bann, aber auch der persönliche Charme, seine Spiritualität, seine Bescheidenheit, seine Disziplin, das Bekenntnis zur Gewaltfreiheit, seine ungebrochene Zuversicht und heitere Gelassenheit, sein ansteckendes Lachen. Gerade in den Zwängen des politischen Tagesgeschäfts tut es gut, sich bewusst zu machen, dass es noch eine ganz andere Dimension gibt.

Ich habe vielfach beobachten können, wie sehr es dem Dalai Lama immer wieder gelingt, Menschen zu faszinieren, so auch 1995 bei seinem ersten Besuch im Hessischen Landtag. Als Vorsitzender der oppositionellen CDU-Fraktion hatte ich ihn eingeladen, im Landtag zu sprechen - mit Zustimmung aller Fraktionen. Seine Rede war eine nüchterne Beschreibung der sich verschlechternden Lage: Er sprach vom Leiden seines Volkes, vom "kulturellen Völkermord", den die chinesische Umsiedlungspolitik bedeutete, von der nie eingehaltenen Zusage kultureller Autonomie, und er sprach zugleich die Bedeutung von Güte und Mitgefühl für das menschliche Zusammenleben an. Stehend applaudierten ihm Mitglieder aller Fraktionen. Noch bewegender war es, den Dalai Lama im Februar dieses Jahres im Exil am Fuße des Himalaja zu besuchen. Politik, aber unsere Welt generell braucht Vorbilder wie den Dalai Lama. Seine Auftritte zu unterstützen ist notwendig. Denn sie machen die Menschenrechtslage in Tibet der deutschen Öffentlichkeit bewusst - wie auch den Mut, der den Dalai Lama und die Mitglieder der tibetischen Exilregierung tagtäglich auszeichnet.

Die politische Situation der Tibeter hat sich in den letzten zehn Jahren nicht verbessert. In der chinesischen Führung scheinen mit Blick auf eine Lösung der Tibet-Frage gegenläufige Kräfte am Werk. Die Geschichte jedoch lehrt: Man kann ungenügend geregelte Fragen nicht dauerhaft ausklammern. Ich bleibe in dieser Frage - vielleicht lässt sich auch das vom Dalai Lama lernen - ein Optimist und bin fest überzeugt: Die chinesische Führung kann in der Staatengemeinschaft und bei ihren eigenen Bürgern viel gewinnen, wenn sie eine befriedigende Lösung auf den Weg zu bringen bereit ist - und zwar zu Lebzeiten des 14. Dalai Lama. Er steht für Verlässlichkeit, Mut und Zuversicht. Diplomatischer Druck, Propaganda, Verfolgung und Gewalt haben ihm nichts anhaben können. Er ist sich und der Mission seines Volkes treu geblieben. Er hat sich nicht abbringen lassen von seinem Weg des gewaltlosen Widerstands. Darin liegt der entscheidende Unterschied, der den Freiheitskampf der Tibeter von dem anderer Völker - etwa den Palästinensern - abhebt.

In vier Wochen wird dem Dalai Lama für seine langjährigen Verdienste um gewaltfreien Widerstand der Hessische Friedenspreis in Wiesbaden verliehen. An diesem Mittwoch wird er siebzig Jahre alt - jung genug, um seinen Weg fortzusetzen. Am Ende wird ihm die Geschichte Recht geben.



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Letzte Aktualisierung: 8. Februar 2010